Talitha Kumi - Gestern und Heute


Talitha Kumi wurde 1851 von deutschen Missionarinnen als reine Mädchenschule in Jerusalem gegründet. Seit 1960 ist die Schule in eigenem Gebäude in Beit Jala/Palästina untergebracht, zwischen Jerusalem und Bethlehem gelegen. Seit zwei Jahren gibt einen Deutschzweig, der zur Deutschen Internationalen Abitursprüfung (DIAP) hinführt. Inzwischen ist die Talitha Kumi Schule als deutsche Auslandsschule anerkannt. Sie umfasst einen Kindergarten, die Schule von Klasse 1 bis 12, ein Mädcheninternat und ein Community College. Die heute ca. 800 palästinensischen Schüler sind christlicher und muslimischer Herkunft. Durch die lange deutsche Tradition dieser Schule gibt es enge Beziehungen zu Deutschland: Alle Schüler lernen ab der zweiten Klasse Deutsch als zweite Fremdsprache. Viele Schüler fahren während ihrer Schulzeit einmal nach Deutschland und einige erhalten nach ihrem Schulabschluss ein Studienstipendium für eine deutsche Universität.
Viele der Palästinenser, die heute an gesellschaftlichen Schaltstellen wirken, insbesondere Frauen, sind Talitha Kumi Alumni. Aber auch bei großen Firmen in Deutschland und ihren Niederlassungen in der West-Bank sind Absolventen unserer Schule anzutreffen. Gleichzeitig hat die politische Lage des vergangenen Jahrzehnts in der Region zu einer bedenklichen Entwicklung geführt. Misstrauen, Ablehnung und Aggression nehmen zu und lassen die Hoffnung und Zuversicht der Osloer Verträge aus den 90er Jahren schwinden.

Das Mediationsprojekt an der Talitha Kumi Schule

Diese Entwicklung hat ihre Spuren auch bei unseren Schülern hinterlassen. Um dem entgegenzuwirken, reichen die pädagogischen Möglichkeiten des Regel-Unterrichts nicht aus. Durch außerunterrichtliche Projekte betreibt Talitha Kumi eine Friedenserziehung, in deren Zentrum unser Mediationsprojekt steht. Spürbare Veränderungen im Schulklima, aber auch die persönlichen Fortschritte im Denken und Verhalten aller Beteiligten sind ein großer Erfolg.
Der Alltag unserer Schüler wird nicht von Brücken, sondern von Mauern geprägt. Die „Trennungsanlage“ zwischen Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten sperrt die Menschen ein – und aus. Talitha Kumi hat als eine der ersten palästinensischen Schulen Brücken nach Israel gebaut, Kooperations- und Austauschprojekte mit arabischen und jüdischen Schülern in Israel durchgeführt.
Seit der zweiten Intifada im Heiligen Jahr 2000 ist dies politisch von beiden Seiten unmöglich gemacht worden. Dennoch führt Talitha Kumi heute noch Begegnungsprojekte mit israelischen Schulen durch, diese müssen aber immer im Ausland stattfinden, oft in Deutschland.
Das macht die Begegnung und Zusammenarbeit schwierig. Die Vorbehalte und Ängste sind seit den kriegsähnlichen Zuständen in der Westbank während der zweiten Intifada auf beiden Seiten mauerhoch gewachsen. Es fehlt an Vertrauen, Offenheit und dem Glauben an eine friedliche, gewaltfreie Zukunft in Freiheit und Sicherheit.
Gleichzeitig wächst eine Generation heran, die über die Zukunft des Landes und der Region entscheiden wird: die Hälfte aller Palästinenser ist unter 16 Jahre alt. Wenn Veränderungen herbeigeführt werden sollen, dann durch sie. Das heißt, dass die Erziehung und Bildung dieser jungen Menschen ein enorm wichtiger Beitrag für die Zukunft dieses Landes ist.
Eingesperrt und ausgeschlossen zu sein, bedeutet aber auch, dass die Spannungen in der palästinensischen Bevölkerung wachsen und sich oft genug auch auf das Miteinander unserer Schüler auswirken. Konflikte entstehen schnell und geraten vielfach außer Kontrolle. Die gesellschaftliche Sprach- und Perspektivlosigkeit schlägt sich zunehmend auf die psychische und soziale Situation der jungen Generation nieder.
Das Ziel des Mediationsprojektes ist es, gewaltfreie und diskursive Konfliktlösungsstrategien zu vermitteln und im Alltag zu praktizieren. Dafür werden Schülermediatoren ausgebildet, die in der Schulgemeinschaft – in der Klasse, in den Pausen, auf dem Schulhof – Verantwortung dafür übernehmen, Konflikte zu bearbeiten. Sie mischen sich ein oder werden gefragt dabei zu helfen, Probleme zu benennen, zu klären und zu lösen. Das verbessert nicht nur das Schulklima. Rückmeldungen aus den Familien zeigen, dass sich das Konflikt-, aber auch das allgemeine Verhalten unserer Schüler ändert. Es ist weniger aggressiv und spontan und ist stärker geprägt von diskursiven und gewaltfreien Lösungsstrategien. Diese Verhaltensänderung wirkt sich äußert positiv auf die Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts aus. Unsere Schüler verbessern kontinuierlich ihre allgemeinen Kommunikationsfähigkeiten und werden so individuell und gesellschaftlich zu Brückenbauern des Ausgleichs, der Fairness und der Lösungsorientierung.


© Taliha Kumi School 2010