Immer wieder durchbrechen Sirenen den blauen Himmel. Und wieder einmal hat der Krieg begonnen. Oder hat er jemals wirklich aufgehört? Wieder stehen wir vor der Evakuierung der Schule – Gesichter voller Angst, Unsicherheit und derselben unbeantwortbaren Fragen: Wie lange wird es dieses Mal dauern? Wann wird endlich Frieden kommen?
Fast 40 Tage lang blieben unsere Schülerinnen und Schüler zu Hause, während die Schule in den Notfallmodus wechselte. Auf Anweisung des Bildungsministeriums wurde aufgrund der gefährlichen Lage draußen auf Online-Unterricht umgestellt. Der Unterricht wurde fortgesetzt, jedoch beschränkt auf die Hauptfächer – Mathematik, Englisch, Deutsch und Arabisch –, da selbst das unter diesen Umständen eine große Belastung darstellte.
Doch was bedeutet Online-Unterricht während eines Krieges? Die Schülerinnen und Schüler loggten sich ein, öffneten ihre Hefte und versuchten, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Doch während sie in ihre Hefte schrieben, wurde Geschichte direkt vor ihren Fenstern geschrieben.
Dieses Mal fühlte sich der Krieg näher an als je zuvor. In Talitha Kumi, in Beit Jala und im gesamten Westjordanland waren die Geräusche und Bilder des Konflikts nicht fern. Raketen schlugen in der Nähe ein, und ihre Trümmerteile landeten oft in unmittelbarer Nähe von Häusern, manchmal täglich. In den sozialen Medien kursierten Bilder von Trümmern in Wohngebieten. Die Eltern wurden zunehmend ängstlicher um ihre Kinder. Wenn man die Überreste von Raketen so nah sieht, ist der Krieg nicht mehr nur etwas, von dem man hört – er wird zu etwas, das man spürt, das einen begleitet.
Die Gefahr war real und verheerend. Innerhalb einer Woche hörten wir von einer Familie in einem nahegelegenen Dorf, die ums Leben kam, als Raketenteile ihr Auto trafen. Eine solche Tragödie ist kaum zu begreifen. Wie sollen sich Schülerinnen und Schüler auf den Unterricht konzentrieren, wenn draußen die Welt zusammenzubrechen scheint?
Selbst während des Online-Unterrichts wurde das Lernen immer wieder unterbrochen. Sirenen heulten – besonders in Jerusalem und Bethlehem – und Lehrkräfte wie auch Schülerinnen und Schüler mussten ihre Geräte zurücklassen und Schutzräume aufsuchen. Dort warteten sie in Stille und Angst zehn lange Minuten, bevor sie zurückkehrten und versuchten, den Unterricht fortzusetzen. Es war erschöpfend.
Dann kam ein weiterer Schock: Einen Tag bevor die Schule wieder geöffnet werden sollte, nachdem sich die Lage etwas beruhigt hatte, überprüfte unser Hausmeister das Schulgelände. Auf dem Spielplatz des Kindergartens entdeckte er ein Stück einer Rakete. Als er es ins Büro der Schulleitung brachte, breitete sich Fassungslosigkeit unter uns allen aus. Selbst hier – innerhalb der Mauern, die wir zu schützen versuchen – hatte uns die Gefahr erreicht.
Was diesen Moment noch eindrücklicher machte, war der Ort, an dem dieses Teil gefunden wurde. Der Kindergarten-Spielplatz ist eigentlich der sicherste und fröhlichste Ort unserer Schule – ein Raum voller Lachen, Spiele und unbeschwerter Kinderstimmen. Hier sollte sich das Leben leicht, geschützt und voller Freude anfühlen. Und doch standen wir genau dort plötzlich einem Fragment der Zerstörung gegenüber. Der Kontrast war kaum zu ertragen: ein Ort, der für Unschuld und Spiel geschaffen ist, gezeichnet von einem Symbol von Gewalt und Angst.
In diesem Moment wurde die zerbrechliche Grenze zwischen Sicherheit und Gefahr unübersehbar. Der Spielplatz, der für Geborgenheit und Vertrauen stehen sollte, wirkte plötzlich verletzlich. Dieses Raketenteil zwang uns, einer schmerzhaften Realität ins Auge zu sehen – dass solche Fragmente überall und jederzeit niedergehen können. Nicht irgendwo in der Ferne, sondern hier, bei uns. Der Gedanke, dass ein solches Teil hätte fallen können, während Kinder spielten und lachten, völlig ahnungslos, erfüllt uns mit tiefer Angst und Unruhe.
Es ist diese Unvorhersehbarkeit, die am schwersten wiegt. Es gibt keine Warnung, wo das nächste Teil landen wird. Keine Gewissheit, dass irgendein Ort – so geschützt er auch erscheinen mag – wirklich außer Reichweite ist. Und in dieser Erkenntnis liegt eine leise, aber beständige Angst: dass selbst in Momenten der Normalität, selbst an Orten, die für Freude gedacht sind, die Gefahr plötzlich vom Himmel fallen kann.
Die Wahrheit ist schwer zu ertragen – wir sind nicht weit entfernt. Unsere Schülerinnen und Schüler sind nicht weit entfernt. Die Gefahr ist nicht fern. Sie umgibt uns und kann uns jederzeit erreichen. Wir halten an der Hoffnung fest, wir beten um Schutz und tun alles in unserer Macht Stehende, um ein Gefühl von Sicherheit aufrechtzuerhalten. Doch die Realität bleibt: Wir sind näher dran, als wir es wahrhaben wollen.
Wir werden dieses Raketenteil in der Schule aufbewahren – nicht als Symbol der Angst, sondern als Erinnerung. Eine Erinnerung an das, was wir erlebt haben, und an das, wonach wir uns sehnen: Frieden. Ein Frieden, der es unseren Schülerinnen und Schülern ermöglicht, ohne Angst zu lernen, sich ohne Unterbrechung zu entwickeln und die Schule weiterhin als einen sicheren Ort für sich und ihre Familien zu erleben.
Wir hoffen, dass diese Erfahrungen eines Tages zu fernen Erinnerungen werden – zu Kapiteln der Geschichte und nicht zur täglichen Realität. Wir hoffen auf eine Zukunft, in der unsere Himmel nicht mehr von Sirenen erfüllt sind, sondern vom Gesang der Vögel.
Laura Bishara
