Birger Reese, seit 2024 Schulleiter, erzählt von täglichen Herausforderungen, von Routinen, die durch Grenzen und Kontrollen geprägt sind, und von Momenten, in denen Talitha Kumi wie eine kleine Insel wirkt.
Wenn die üblichen, nachvollziehbaren Fragen – Eine deutsche Schule in den Palästinensischen Gebieten? Ist es dort nicht total gefährlich? Hast du gar keine Angst? – besprochen wurden, werde ich oft gefragt, wo genau ich eigentlich wohne. Das beantworte ich gern. Ich lebe in einem kleinen Haus auf unserem 10 Hektar großen Schulgelände. Abends blicke ich auf die untergehende Sonne über dem wunderschönen Makhrour-Tal. Ich wohne dort, wo vor mir schon Generationen von Schulleiterinnen und Schulleitern gewohnt haben. Früher war Talitha ihr Zuhause, und manches erinnert noch heute daran. Ein Sonnenschirm aus den 1970er-Jahren, eine Kinderschaukel oder eine wirklich illustre Mischung an Geschirr, quer durch die ästhetischen Präferenzen der letzten Jahrzehnte. Ein Blick ins Bücherregal zeigt, dass meine Vorgängerinnen und Vorgänger auch dort ihre Spuren hinterlassen haben. Allein sind die Themen dieser Bücher doch seltsam homogen geblieben: Ursachen des Konflikts, Wege zum Frieden und vieles über die Koexistenz der Religionen und die Bedeutung Jerusalems. Mögen die Namen der handelnden Akteure in und außerhalb der Schule andere gewesen sein, die politischen Fragen, die in diesem Land eine Rolle gespielt haben, sind auf eine bleierne Art die gleichen geblieben. Es wurden zwar neue Kapitel hinzugefügt, aber der Inhalt blieb, bei aller Liebe zu differenzierter Betrachtung, letztlich derselbe. Aber wie haben meine Vorgängerinnen und Vorgänger die Schule selbst erlebt – Talithas Herausforderungen, die zentralen Fragen, großen Krisen und unvergesslichen Höhepunkten? Welche Antworten haben sie gefunden, was bereut und worüber sich so richtig gefreut?
Restriktionen und Fremdbestimmung prägen den Rhythmus des Alltags
Wenn ich mich morgens auf den Weg mache (um halb acht beginnt die tägliche Morgenandacht), gehe ich durch den ruhigen, kleinen Kiefernwald zum Eingang unserer Schule. Das dauert ungefähr fünf Minuten. Der Weg unserer Mitarbeitenden und Schülerinnen und Schüler sieht hingegen etwas anders aus. Morgenroutinen in dieser Region, die durch Grenzen, Mauern und Kontrollen geprägt sind, beginnen oft mit derselben Frage: Wie lange wird der Weg heute dauern? Die Morgendämmerung wird begleitet von Wartezeiten an Checkpoints, Verzögerungen durch Verkehrsbeschränkungen und der ständigen Ungewissheit, ob eine Route heute überhaupt passierbar ist. Administrative Hürden bestimmen nicht nur den Morgen, sondern den Ablauf des gesamten Lebens: Anträge, Genehmigungen und Aufenthaltsregelungen, die Geduld verlangen und Pläne regelmäßig verschieben. Restriktionen und Fremdbestimmung prägen den Rhythmus des Alltags und beeinflussen, wie schnell Menschen zu Arbeitsplätzen, medizinischer Versorgung oder Bildungseinrichtungen wie Talitha Kumi gelangen. Langsame oder unzuverlässige Transportverbindungen erhöhen Wartezeiten, erzeugen Stress und reduzieren die verfügbaren Zeitfenster für familiäre Verpflichtungen wie das Abholen von Kindern oder das gemeinsame Mittagessen. Selbst kurze Wege können zu logistischen Herausforderungen werden, wenn der Zugang zu bestimmten Straßen oder Vierteln zeitlich beschränkt ist oder Umwege nötig macht. Wenn die Schülerinnen und Schüler sowie Kolleginnen und Kollegen jedoch einmal hier oben angekommen sind und auch die gelegentliche Hektik beim Drop-off von etwa 850 Kindern und Jugendlichen überwunden ist, dann kann durchgeatmet werden. Hier oben ist Platz. Hier oben ist Ruhe, und man kann sie spüren: die zumindest temporäre Abwesenheit all der genannten Beeinträchtigungen.
Die Möglichkeit einer Insel
Um nicht zu spät zur Morgenandacht zu kommen, gehe ich nach meinem kurzen Spaziergang durch den Wald den direkten Weg durch das Guesthouse, unser eigenes Hotel. Natürlich hat es schon bessere Tage gesehen. Erst kam Corona, und nach dem 7. Oktober wurde alles noch schlimmer. Zurzeit finden nur noch wenige Pilgerinnen und Pilger sowie Touristinnen und Touristen den Weg hierher. Aber unsere Schule ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Ort. Sie liegt genau an der Grenze zwischen der autonomen, palästinensisch verwalteten A-Zone der Region Bethlehem und der israelisch kontrollierten C-Zone. Warum ist das besonders? Durch diese Lage ist es möglich, dass sich hier bei uns Menschen von beiden Seiten treffen, die noch immer an der Idee von Begegnung und Verständigung festhalten. Regelmäßig finden NGOs und Friedensaktivistinnen und -aktivisten hier bei uns eine Möglichkeit, sich zu treffen, Workshops abzuhalten und an Initiativen zu arbeiten. Und so ist der Speisesaal eben nicht leer, wenn ich ihn passiere. Manches Mal nehme ich ein paar Worte Hebräisch wahr oder komme in ein kurzes Gespräch mit einer Friedensaktivistin oder einem Friedensaktivisten über Möglichkeiten der Zusammenarbeit oder beides.
Dann erreiche ich unsere Kirche, den Ort, an dem wir uns jeden Morgen zu Beginn versammeln und für 15 Minuten innehalten. Wir sind eine christliche Schule. In der Morgenandacht betonen wir unsere gemeinsamen Werte. Empathie, das Miteinander und Toleranz stehen im Mittelpunkt. Ein nicht geringer Anteil unserer Schülerinnen und Schüler ist muslimischen Glaubens. Sie werden nicht ausgeschlossen; ein interreligiöser Ansatz sorgt dafür, dass sich alle angesprochen fühlen. Seit Beginn des Schuljahres haben wir einen Schüler in der 6. Klasse mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Das Stillsitzen ist seine Sache nicht. Immer wieder geht er während der Andacht zu unserer Musiklehrerin und setzt sich zu ihr ans Klavier. Anfangs sorgte das für leichte Nervosität. Mittlerweile sind die Lehrerin und dieser begabte Junge jedoch ein eingespieltes Team, das eine teilweise vierhändig gespielte musikalische Begleitung des Gottesdienstes ermöglicht. Ohne es überhöhen zu wollen: In solchen Momenten zeigt sich, dass in Talitha auf so vielfältige Weise eine inklusive Lernkultur gelebt wird und diese Schule wie eine rettende Insel für Menschen sein kann, seien es Friedensaktivistinnen oder herausgeforderte Schülerinnen und Schüler. Ein Ort, in dem sie sich angstfrei entfalten können.
Vielfalt leben – Frieden lernen
Und dies beginnt bereits im Kindergarten, den ich manchmal nach der Morgenandacht aufsuche. Hier lernen schon die Jüngsten unserer Schule, dass Unterschiede keine Barriere, sondern Bereicherung sind. Und Unterschiede gibt es bei uns so einige. Früher war Talitha Kumi eine Mädchenschule; jetzt lernen hier Jungen und Mädchen, Christen und Muslime, Schülerinnen und Schüler aus den Dörfern rundherum genauso wie solche aus Jerusalem. Und ab der fünften Klasse teilt sich die Schule in einen deutschen und einen einheimischen Zweig. Und auch diese beiden Zweige sollen immer als Teil einer Schule gedacht werden. Im Morgenkreis des liebevoll gestalteten Kindergartens wechseln sich an diesem Morgen Lieder auf Arabisch, Deutsch und Englisch ab. Die Kinder üben gemeinsam Regeln, die allen gelten: Respekt voreinander, Geduld beim Zuhören, und dass Konflikte durch Gespräch und gemeinsame Lösungen beendet werden können. In der Schule wird diese pädagogische Leitidee natürlich fortgeführt. Sie wird tagtäglich im Unterricht gelebt und durch eine Vielzahl von Programmen unterstützt.
Wir praktizieren schulische Mitbestimmung, haben ein Mediatorenteam, das Konfliktschlichtung betreibt, eine Debattier-AG, die sich intensiv mit Diskursethik beschäftigt und deren Teilnehmerinnen und Teilnehmer regelmäßig Preise bei regionalen Wettbewerben gewinnen. Wir nehmen mehrfach im Jahr mit unseren Schülerinnen und Schülern an Model-United-Nations-Konferenzen (MUN) teil. Das sind Planspiele, bei denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Rolle von Delegierten bei den Vereinten Nationen schlüpfen. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich dabei mit wichtigen Themen wie internationale Konfliktverhütung oder Nachhaltigkeit auseinander. Sie lernen zu argumentieren, zu debattieren und zuzuhören, jeden Tag. Es ist kein Ressentiment zu sagen, dass das gegenseitige Zuhören in der Welt um uns herum nicht unbedingt eine Tugend ist. Waffen, Zäune und Mauern signalisieren vieles, aber keine Gesprächsbereitschaft. Der respektvolle Dialog aber ist Teil unserer Talitha-DNA.
Schlüssel zur Welt
Dialog geht nicht ohne Sprache. Wir sind Experten in dem was man wohl Translanguaging nennt. Um uns zu verständigen greifen wir auf alle Ressourcen zurück, die uns zur Verfügung stehen. Das können manchmal auch Hände und Füße sein, vor allem aber ist es ein hier und da erheiternder, vor allem aber funktionierender Hybrid. So kann es sein, dass ich auf meinem Weg ins Büro in drei unterschiedlichen Sprachen „Guten Morgen” sage. Viel mehr gibt mein Arabisch noch nicht her. Aber die Menschen hier lernen Deutsch. Unsere Schülerinnen und Schüler beginnen damit schon im Kindergarten. Der Erwerb der Sprache ist ein wesentlicher Aspekt der Bildungsperspektive, die hier ermöglicht wird. Mit dem Abitur oder den Deutschen Sprachdiplom wird den Lernenden die Chance eröffnet, in Deutschland zu studieren. Schnell steht da der Vorwurf im Raum, man würde die Bildungselite des Landes nach Deutschland führen. Aber so ist es nicht. Viele kommen zurück. Nicht zuletzt wegen ihrer Familie, die hier noch immer eine sehr große Bedeutung hat. Oder weil sie ihr Land nicht im Stich lassen wollen. Sie stärken dann etwa als Juristinnen und Juristen, als Ökonominnen und Ökonomen oder Medizinerinnen und Mediziner die palästinensische Zivilgesellschaft. „Ich bin auch ein Talitha Absolvent!”, das ist ein Satz, den ich sehr häufig höre. Sei es, wenn ich den Bürgermeister von Bethlehem treffe, eine landesweit bekannte TV-Journalistin oder die ehemalige Gesandte der Palästinensischen Gebiete in Deutschland.
Deutschlernen bedeutet für palästinensische Schülerinnen und Schüler aber mehr als das Beherrschen einer neuen Grammatik und den Zugang zu neuen Bildungsmöglichkeiten. Die Sprachkenntnisse fungieren als kulturelle Brücke: Sie ermöglichen das Verständnis literarischer Texte, historischer Perspektiven und aktueller Debatten. Dadurch können Vorurteile abgebaut und Vertrauen aufgebaut werden. Da Deutschlernen oft systematisches, metakognitives Lernen verlangt, entwickeln die Lernenden neue Denk- und Lernstrategien: klare Argumentation, Struktur, Präzision und Transferfähigkeit, die sich auch in anderen Fächern positiv auswirken. Die Selbstwirksamkeit wächst, wenn Erfolge im Schreiben, Lesen oder Sprechen erlebt werden; das stärkt das Selbstvertrauen und die Bereitschaft, neue Aufgaben zu wagen. Auf den letzten Metern zu meinem Büro passiere ich eine große Ausstellung, die Schülerinnen und Schüler anlässlich des 35. Jahrestags der deutschen Wiedervereinigung erstellt haben. Auf einer Zeitleiste über mehrere Wände werden Ereignisse der deutschen Geschichte seit 1945 denen in Palästina gegenübergestellt. Es werden Unterschiede, Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet. Deutsch wird eben nicht nur als Schulfach gelernt, sondern in Projekten, Debatten, MUN-Simulationen und Mediation praktisch angewendet; die Sprachpraxis entsteht im Dialog, durch Freundschaften, Gruppenarbeiten und kooperative Lernformen. Letztlich stärkt Deutschlernen das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer vielfältigen Schulerfahrung, in der mehrere kulturelle Identitäten koexistieren.
Unser Träger: das Berliner Missionswerk
In meinem Büro angelangt freue ich mich auf meinen wöchentlichen Online-Jour-Fix mit dem Nahostreferenten des Berliner Missionswerks, Dr. Simon Kuntze. Er ist der Vorsitzende des Schulverwaltungsrates und mein erster Ansprechpartner unseres Trägers in Berlin. Seit 50 Jahren unterstützt das Berliner Missionswerk diese Schule, trägt sie und hält die Verbindung nach Deutschland lebendig. Es geht dabei um viel mehr als finanzielle Stabilität und Planungssicherheit für Personal, Lernmittel und infrastrukturelle Verbesserungen, die den Schulalltag erst möglich machen. Der Rückhalt ist so wichtig, da er die christliche Identität der Schulgemeinschaft in kultureller und religiöser Vielfalt stärkt und ein starkes Zeichen der Kontinuität setzt. Die Schülerinnen und Schüler und die Mitarbeitenden sehen, dass ihr Lernen und ihr Einsatz in einer stabilen, verbindlichen Partnerschaft anerkannt werden. Damit wird Bildung zu einem gemeinsamen Projekt, das Grenzen überwindet und Vertrauen in eine friedliche, gemeinschaftliche Zukunft stärkt.
Wenn ich meinen Arbeitstag beende, bin ich mir sicher, dass ich so mancher Herausforderung begegnet bin, vor der auch meine Vorgängerinnen und Vorgänger standen. Sei es die politische Situation, die ökonomische Lage oder der Umgang mit Diversität. Aber wie sie wohl auch sehe ich die besondere Bedeutung dieser Schule und damit das Privilieg für sie arbeiten zu dürfen.
Es gibt eine große Sehnsucht nach Frieden draußen in der Region. Und natürlich auch die Hoffnung, dass wir mit dem, was wir hier tun, ein klein wenig zur Begegnung und Verständigung beitragen. Was wir aber definitiv schon jetzt wissen und was die Arbeit hier so wertvoll macht ist, dass wir jeden Tag einen Zufluchtsort für unsere Schülerinnen und Schüler schaffen. Einen Ort, der ein wenig Normalität, Zuversicht und ja, auch Frieden erlebbar macht.
Birger Reese
