„Talitha Kumi ist ein Ort der Hoffnung“

Vivian Huzaineh kennt Talitha Kumi wie kaum jemand sonst – seit 17 Jahren ist sie an der Schule, seit sechs Jahren leitet sie die Verwaltung. Damit sorgt sie dafür, dass Schule und Gästehaus Tag für Tag verlässlich laufen – und Bildung wie Begegnung möglich bleiben.

Wenn ich morgens die Schule betrete, weiß ich nie genau, was mich erwartet. Ein Schultag in Talitha Kumi ist selten planbar. Checkpoints, die plötzlich schließen, Gespräche mit Eltern, die ihre Arbeit verloren haben, logistische Probleme, die sofortige Lösungen verlangen – all das prägt meinen Alltag. Leitung bedeutet für mich, in solchen Momenten standzuhalten, Entscheidungen zu treffen und zugleich die Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren.

Schon kurz nach meinem Amtsantritt war klar, dass diese Aufgabe kein gewöhnlicher Job sein würde. Mitten in der Pandemie musste ich Wege finden, Unterricht ins Digitale zu verlagern, Schutzmaßnahmen umzusetzen und gleichzeitig die finanzielle Stabilität der Schule zu sichern. Kaum war das geschafft, begann eine neue Herausforderung: Bauarbeiten auf dem gesamten Gelände. Neue Klassenräume, eine Aula, eine Mensa, dazu die Sanierung von Infrastruktur und Wegen – und all das, während der Betrieb weiterging. Ich erinnere mich gut an die Anspannung dieser Zeit, aber auch an die Dankbarkeit, als ich die Unterstützung aus Deutschland erlebte, die all das möglich machte. Heute sehe ich, wie unsere Schülerinnen und Schüler von den verbesserten Bedingungen profitieren – und das gibt mir Kraft.

Jetzt stehen wir vor einer noch schwereren Prüfung. Der Anschlag am 7.Oktober und der folgende Krieg in Gazah haben vieles verändert. Auch im Westjordanland. Manche Kinder schaffen es nicht rechtzeitig zur Schule, weil Straßen blockiert sind. Eltern sitzen mir gegenüber, verzweifelt, weil sie ihre Arbeit in Jerusalem verloren haben und jetzt nicht wissen, wie es weitergehen soll. Diese Gespräche sind schmerzhaft. Und doch spüre ich in ihnen immer wieder, wie sehr Talitha Kumi gebraucht wird: als Ort der Stabilität, als Raum, in dem Kinder Kind sein können und Familien Hoffnung schöpfen.

Meine Rolle als Frau in dieser Verantwortung hat für mich eine besondere Bedeutung. Talitha Kumi wurde einst gegründet, um Mädchen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen – und diese Vision lebt bis heute. Was unsere Einrichtung zudem auszeichnet, ist nicht nur das Engagement für die Bildung von Mädchen, sondern auch die konsequente Förderung von Frauen innerhalb der eigenen Institution.

Fast drei Viertel unserer Mitarbeitenden sind Frauen, viele von ihnen in Führungspositionen. Sie leiten Abteilungen, sind in der Verwaltung gleichberechtigt vertreten und gestalten Entscheidungsprozesse aktiv mit. Diese gelebte Stärke berührt mich zutiefst. Denn sie zeigt: Unsere Schule gibt nicht nur Mädchen eine Stimme – sie ermöglicht Frauen sichtbar Verantwortung zu tragen und damit gesellschaftliche Veränderung mitzugestalten.

In Momenten, in denen die Last groß wird, finde ich meine Kraft in verschiedenen Quellen. Da ist das Vertrauen meines Teams, das mich täglich trägt. Da sind die Schülerinnen und Schüler, die trotz aller Widrigkeiten kommen, lernen, lachen. Und da ist mein Glaube. Als arabische Christin empfinde ich unsere Präsenz im Heiligen Land als unverzichtbar. Wir haben den Auftrag, Brücken zu bauen, Frieden zu suchen, Versöhnung zu ermöglichen. Bildung ist dabei unser stärkstes Werkzeug – sie formt junge Menschen, die kritisch denken, Mitgefühl zeigen und Verantwortung übernehmen.

Für mich ist Talitha Kumi deshalb nicht einfach ein Arbeitsplatz. Es ist ein Versprechen, dass Bildung auch unter den schwierigsten Umständen Zukunft schenkt. Und es ist mein Herzensanliegen, dieses Versprechen zu bewahren. Doch wir können diese Aufgabe nicht allein bewältigen. Besonders unser Sozialfonds ist lebenswichtig. Er ermöglicht Kindern aus Familien ohne Einkommen, dennoch eine gute Bildung zu erhalten. Dafür brauchen wir dringend Unterstützung. Ebenso wichtig ist es, Talitha Kumi in Deutschland bekannter zu machen, damit langfristige Partnerschaften wachsen können.

Ich lade alle ein, die Schule zu besuchen, unser Gästehaus steht offen. Es ist mehr als ein Ort zum Übernachten. Es ist eine Möglichkeit, unsere Gemeinschaft kennenzulernen, die Kinder, die Lehrerinnen und Lehrer, die Familien. Wer hierherkommt, erlebt, was ich täglich erfahre: dass Hoffnung nicht abstrakt ist, sondern ganz konkret gelebt wird – in Klassenzimmern, auf dem Schulhof, in unzähligen Begegnungen.

Vivian Huzaineh

Dieser Beitrag erscheint in der Ausgabe 3/2025 der Zeitschrift WeltBlick, die Talitha Kumi als Schwerpunktthema hat. Sie können diese Ausgabe kostenlos beim Berliner Missionswerk bestellen, unter bmw@berliner-missionswerk.de.