Sven Spannekrebs und Dania Nour am Schwimmbecken im Olympiapark

Absolventin Dania Nour schwimmt bei Olympia

Der Countdown läuft: Im Mai hat sie in Talitha Kumi das Deutsche Internationale Abitur gemacht – nun bereitet sich die 17-Jährige in Berlin auf die Olympiade vor. Am 30. Juli startet sie in Tokio.

Jeden Morgen steigt Dania Nour um 8.45 Uhr aus dem glitzernd blauen Wasser: Sie hat dann bereits zwei Stunden intensives Training hinter sich – im Olympiapark Berlin. Trainiert wird sie von Sven Spannekrebs vom Verein „Wasserfreunde Spandau 04“, der als Schwimmtrainer des Refugee Olympic Teams 2016 die syrische Schwimmerin Yusra Mardini auf die Spiele in Rio de Janeiro vorbereitete.

„Ich möchte in Tokio die 50-Meter-Kraul unter 30 Sekunden schwimmen“, sagt Dania Nour. Sie nahm bereits an der Schwimm-WM 2019 in Südkorea teil und vertrat 2016 bei einem internationalen Schwimmturnier in Qatar die palästinensischen Gebiete: Dort gewann sie drei Medaillen. „Mein nächstes Ziel ist, 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris dabei zu sein und bis dahin die 50-Meter-Freistil unter 28 Sekunden zu schwimmen.“ Den Weltrekord für diese Strecke hält seit 2017 die Schwedin Sarah Sjöström mit 23,67 Sekunden.

„Dania ist außergewöhnlich diszipliniert“, sagt Trainer Sven Spannekrebs. Sie schwimmt zweimal täglich zwei Stunden und macht zusätzlich noch Krafttraining. „Sie hält sich so konsequent an die strengen Ernährungspläne – das habe ich noch nicht erlebt. Und ich habe schon viele Sportler:innen trainiert.“ Als Palästinenserin überhaupt Leistungsschwimmerin zu werden, ist schon ungewöhnlich: Denn in der Region Bethlehem, in der Dania Nour aufgewachsen ist, gibt es kaum Schwimmbäder oder professionelle Trainings-Möglichkeiten. Im letzten Jahr stand ihr nur ein 17-Meter-Becken zur Verfügung. „Dass sie unter diesen Bedingungen solche Leistungen erbringt – das ist bewundernswert“, betont Spannekrebs.

Der Kontakt zwischen dem Schwimmtrainer und der Talitha-Kumi-Schülerin entstand während einer Begegnung in Berlin 2018. Damals besuchte Dania Nour als 14-Jährige gemeinsam mit ihrem Vater die Elite-Sportschule im Olympiapark. Die Überlegung war, dorthin zu wechseln, um das Deutsche Internationale Abitur zu machen – und gleichzeitig ideale Trainingsbedingungen zu haben. „Aber damals gab es noch kein Internat hier, wir hätten Dania nicht unterbringen können“, so Spannekrebs.

Was für ein Talent und welch großen Ehrgeiz sie hat, das hat er jedoch nicht vergessen. „Als sich vor ein paar Wochen der Konflikt in Gaza und Jerusalem so zuspitzte, habe ich Dania und ihren Papa angerufen. Einfach, um mich zu erkundigen, wie es ihr geht.“ Bei diesem Gespräch erfuhr er, dass Dania Nour als eine der Top-Schwimmerinnen Palästinas in Tokio starten wird. Und bot ihr an, zur Vorbereitung im Leistungszentrum des Olympiaparks bei ihm zu trainieren. „Danias Start am 30. Juli werde ich natürlich von Berlin aus live im Fernsehen mitverfolgen“, stellt er klar.

Danias Eltern werden nicht wie geplant zur Olympiade nach Tokio anreisen können – aufgrund der Corona-Pandemie findet das Großereignis ohne Zuschauer:innen vor Ort statt. Deswegen halten ihre Familie, ihre Freund:innen und ehemaligen Mitschüler:innen sowie das gesamte Talitha-Kumi-Team aus der Ferne fest die Daumen: Viel Glück für Tokio, Dania! Wir sind stolz auf Dich.